• von Hans Fiechter

Einleitung Rico Peter, geb. am 13.9.1983, in Kölliken aufgewachsen und hier wohnhaft, ist aktuell der erfolgreichste Bobpilot in der Schweiz. Er begann 2004 als Anschieber und zwei Jahre später als Pilot in dieser anspruchsvollen Sportart. Seine internationale Karriere nahm in der Saison 2008/9 im Europacup ihren Anfang, und 2011 debütierte RIO Peter im Weltcup. Er gewann an der Bob-Weltmeisterschaft in Igls 2016 die Bronzemedaille im Viererbob und bei den Europameisterschaften 2014 die silberne und 2015 die bronzene Auszeichnung. Er war dieses Jahr Olympiateilnehmer in Südkorea und erreichte dabei mit seiner Mannschaft in der 4er-Bobkonkurrenz den vierten Platz. Mit je zwei dritten Plätzen im Gesamtweltcup, drei Siegen und etlichen Podestplätzen in diesem Wettbewerb etablierte sich Rico Peter in der Weltspitze. Für das Turnfenster gewährte er, als Aktivmitglied des STV Kölliken, das nachfolgende Interview.

Hans Fiechter: Deine Eltern waren langjährige Aktivmitglieder im STV Kölliken. Es ist daher eigentlich logisch, dass Du und Deine beiden Geschwister Karin und Patrik in der Jugi und nachher als Aktivturnerin und Aktivturner in diesem Verein mitmachten. Du warst ein talentierter Leichtathlet. Ist das so richtig, und welche Erinnerungen hast Du an den Turnverein?

Rico Peter: Ja, das ist so richtig. Es sind schöne Erinnerungen. Ich genoss das kameradschaftliche Beisammensein, die Wettkämpfe in der Leichtathletik, auch die Turnerabende - eine gute Zeit.

Wie kamst Du zum Bobsport? Hat Dir dabei die „sportliche Grundschule“ im STV Kölliken geholfen? Während meiner Aktivzeit im STV Kölliken nahmen wir an vielen Wettkämpfen wie Geländeläufe, Staffelmeisterschaften und Turnfesten teil. Dabei hatten wir immer einen engen und freundschaftlichen Kontakt mit dem Turnverein Moosleerau. Francisco Banos von diesem Verein war damals auch Bobpilot, und er fragte mich 2004, ob ich als Anschieber mitmachen möchte. Ich sagte zu und kam so zum Bobsport. Im STV Kölliken machten wir damals viele Sprintschulungen, was mir ganz sicher sehr geholfen hat. Weisst Du noch, wann und wo Du zum ersten Mal einen Bob die ganze Bahn gesteuert hast? Es war 2006 in La Plagne, auf der Bobbahn der Olympiade 1992 von Albertville in Frankreich. Hans Schenk war damals Nachwuchschef beim Bobverband, er hat mich zum Versuch als Pilot animiert. Nach einer Bahnbesichtigung mit ihm kam es dann in La Plagne zu meiner ersten Bobfahrt als Pilot. Wer hat Dich entdeckt, und wer hat Dir die Steuerkünste beigebracht? Es waren die damaligen Trainer im Bobverband, vor allem Petr Ramseidl.

Treibst Du den Bobsport im Winter professionell? Arbeitest Du im Sommer Vollzeit? Seit dem Einstieg in den Weltcup dauert eine Wettkampfsaison sechs Monate, von September bis Februar. In dieser Zeit bin ich professionell Bobpilot. Im Sommer arbeite ich Teilzeit als Chauffeur. Ich kann mir durch die Armee 100 Tage als militärischen WK anrechnen lassen. Wie sieht Dein Training aus? Im Sommer: Montag Sprinttraining, Dienstag Krafttraining, Mittwoch Anschiebtraining, Donnerstag Sprinttraining, Freitag Krafttraining, Samstag Anschiebtraining. Die Trainingseinheiten sind täglich zwei bis drei Stunden. Im Winter (für die Wettkämpfe): Montag Anreise, Dienstag bis Donnerstag Bahntraining (je etwa einen halben Tag), ergänzt durch Kraft-, Sprint und anderes athletisches Training, Freitag Rennmaterial bereitstellen, Wochenende Rennen.

Als Steuermann musst Du nicht nur körperlich topfit sein, sondern auch mental sehr grosse Fähigkeiten haben und z.B. die einzelnen Bahnen auswendig kennen. Wie kommst Du damit zurecht? Erhältst Du auch mentale Unterstützung? Spitzensport zu betreiben geht ohne Mentaltrainer nicht mehr. Ja, ich kenne alle Bobbahnen auswendig. Bei den Bahnbesichtigungen ist Wolfgang Stampfer als Nationaltrainer mit seinen Ratschlägen eine Vertrauensperson. Meine Lieblingsbahn ist Whistler in Kanada.

Wie kommt man zu einer Mannschaft? Wer entscheidet über die Nominationen der Anschieber? Als Pilot suche ich die Anschieber selber. Bei Weltmeisterschaften oder bei der kürzlichen Olympiade entscheidet der Verband bei Bedarf über die Nominationen. In welchem Bobclub bist Du Mitglied? Beim Bobclub Zürichsee.

An der Olympiade in Pyeonchang in Südkorea, war Dein erster Lauf im 4er nicht der beste. Wie hast Du es trotzdem noch auf den vierten Platz geschafft? Im ersten von vier Läufen machte ich einen Fehler, was uns ca. eine Zehntelssekunde kostete. In den drei restlichen Läufen fuhr ich einmal Bestzeit, zweimal die zweitbeste Zeit. Die Startnummer 16 war im ersten Lauf nicht ideal. Die Bahn wurde wegen der Sonneneinstrahlung und der zusätzlichen Kühlung spürbar langsamer, weil sich auf der Bahnoberfläche eine Art Raureif bildete.

Der vierte Platz an Olympischen Spielen ist trotz allem ein grossartiger Erfolg. Siehst Du das auch so, oder ist die verpasste Olympiamedaille für Dich halt doch immer noch eine bittere Pille? Was meinten Deine Teamkollegen? Als feststand, dass wir die Bronzemedaille nicht gewinnen konnten, war ich sehr enttäuscht. Im Nachhinein war es im 4er-Bob unter den gegebenen Umständen aber dennoch eine sehr gute Leistung. Die Anschieber machten mir keinerlei Vorwürfe; wir waren ein Superteam.

Was hat Dir an der Olympiade ausserhalb der Wettkämpfe am meisten Eindruck gemacht? Das Zusammentreffen mit anderen Schweizer Sportlerinnen und Sportlern. Es gab interessante Gespräche und auch lustige Momente. Die Eröffnungsfeier war ebenfalls sehr beeindruckend.

Weshalb ist der Bobsport finanziell derart teuer (man spricht von rund 300‘000 Franken für die Olympiasaison)? Stellt der schweizerische Verband die Bobschlitten zur Verfügung? Als Pilot trägt man fast alle Kosten selber. Dazu gehören z.B. der Bobschlitten, alles übrige Bobmaterial, die Containerverladungen mit Transporten zu den Wettkämpfen, die Löhne der Anschieber, die Unterkünfte. Der Verband koordiniert praktisch alles; z.B. macht er die Planungen für die Unterkünfte und für die Trainingsmöglichkeiten, und er finanziert einen Teil der Transport- und Unterkunftskosten.

Warum spielt das Material eine so grosse Rolle; es gibt ja viele technische Vorgaben? Es gibt verschiedene Bobmarken, somit sind auch die Bauweisen der Schlitten unterschiedlich. Trotz technischer Vorgaben kann man noch viele Abstimmungen beim Bob selber vornehmen.

Wenn Du den Bobschlitten von Olympiasieger Friedrich steuern könntest, würde das automatisch eine bessere Laufzeit bedeuten? Nein. Z.B. die Lenkungsseile sind von Bob zu Bob verschieden. Bis die Abstimmungen für mich passen würden, benötigt man einige Trainingsfahrten.

Wie steht es um den Nachwuchs von guten Bobpiloten in der Schweiz? Christoph Langen, als Nachwuchschef, macht einen verheissungsvollen Job. Rund acht Pilotinnen und Piloten sind im Nachwuchsbereich; das gab es seit längerem nicht mehr. Ich bin zuversichtlich.

Wie sieht Deine sportliche Zukunft aus? Liegt für Dich gar das Fernziel Peking (nächste Winterolympiade) drin? Es ist alles noch offen. Seit 13 Saisons betreibe ich nun den Bobsport. Wer hier an der Spitze mithalten will, ist von Sponsoren abhängig. Ich habe kein eigentliches Management, und die Suche nach Geldgebern mache ich selber. Für ein allfälliges weiteres Jahr laufen gegenwärtig die Sponsorenverhandlungen an. Die Strategie des Verbandes und auch die Teamzusammensetzungen sind z.Zt. noch ungewiss. Die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr findet in Whistler statt, was mich reizen würde. Eine Entscheidung habe ich für nächstes Jahr aber noch nicht getroffen.

Welches ist Dein Lieblingsportverein, welches Deine Lieblingsmusik? Der Hockeyclub Davos. Am ehesten Rockmusik.

Neben DJ Bobo bist Du gegenwärtig (auch international) der berühmteste Kölliker. Kennst Du DJ Bobo persönlich? Nein, und ich bin ihm auch noch nie begegnet. Die Feststellung der Berühmtheit ehrt mich zwar, aber ich bin ein bescheidener Typ.

Nachdem Du in Kölliken wohnst, könntest Du Dir vorstellen, nach Deiner Spitzensportkarriere wieder im STV Kölliken mitzuturnen oder mitzuwirken? Das kann ich mir vorstellen.

Verfolgst Du die Geschehnisse im STV Kölliken, und was wünscht Du diesem Verein? Ich bin soweit auf dem Laufenden. Dem STV Kölliken habe ich vieles zu verdanken, ohne ihn wäre meine Sportlerkarriere wohl anders verlaufen. Dem Verein wünsche ich weiterhin Erfolg. Für die vielen schönen Stunden in diesem Verein möchte ich den Verantwortlichen danken. Wir danken Dir für dieses Interview, und wir wünschen Dir weiterhin in jeder Beziehung alles Gute und Erfolg!

Das Interview führte Hans Fiechter am 13. März 2018 in der Wohnung von Rico Peter in Kölliken.

Stefan Lerch, der Präsident des STV Kölliken, war beim Interview ebenfalls anwesend. Er nutzte die Gelegenheit, Rico Peter zu seinen sportlichen Erfolgen auch an dieser Stelle namens des STV Kölliken herzlich zu gratulieren. Stefan Lerch betonte, dass Rico in etlichen Turnstunden ein Thema ist; seine Wettkämpfe werden sehr aufmerksam verfolgt, und alle Turnvereinsmitglieder sind grosse Fans von Rico. Der STV Kölliken ist sehr stolz, dass Rico Peter seine sportliche Karriere in diesem Verein begann und ihm sogar einiges zu verdanken hat.

Rico Peter mit dem Präsidenten des STV Kölliken beim Interview

Nachtrag Was man vielleicht nicht weiss: Der STV Kölliken hat schon vor Jahrzenten zwei international erfolgreiche Wettkämpfer hervorgebracht: Emil Kern, von 1922 bis 1928 Mitglied des TV Kölliken, gewann 1934 in Budapest mit der Schweizer Equipe den Weltmeistertitel im Kunstturnen. Und Susanne Lüscher gehörte 1985 der Damenstaffel an, welche bei den Orientierungslaufweltmeisterschaften in Australien die Bronzemedaille holte. Susanne Lüscher war damals Mitglied der OL-Gruppe des Turnvereins Kölliken. Und noch dies: der Turnverein gewann 1955 in seiner Kategorie das Eidgenössische Turnfest in Zürich.

H. Fiechter 17.3.18